Abenteuer am Montag

Gestern war Laborday, der „1. May“ der USA. Traditionell markiert dieser Feiertag, der immer am ersten Montag im September gefeiert wird, das Ende des Sommers und den Beginn des Herbstes. Dieser Tag schien mir perfekt, um endlich mal das sagenumwobene Federal-Hill-Viertel zu besuchen. Dem Höhrensagen nach handelt es sich dabei um ein El Dorado der italienischen Restaurants, wo füllige Mammas Spaghetti Carbonara zaubern und schwarzäugige Mafiosos um die Gäste streichen. Bisher konnte ich mich noch nicht aufraffen, da man auf dem Weg dort hin drei „Grenzen“ überwinden muß. Gesagt, getan. Der Routenplaner meinte 2 Meilen und 44 Minuten, also sollte man das in knappen 30 Minuten schaffen.

Die erste Grenze ist der Providence River, der Downtown Providence vom College Hill trennt. Beim Überqueren des Flusses verläßt man die behütete Beschaulichkeit und Exklusivität (weiß, reich, gebildet) des Studenten- und Professorenviertels und und findet sich in der knallharten Wirklichkeit des bröckelnden amerikanischen Traumes wieder. Dann gehört man inmitten schwarzer Teenagermüttern, Latinos in Putzuniformen und vollbärtigen Pennern auf Parkbänken plötzlich einer privilegierten Minderheit an, die die Wirklichkeit in ihrer selbstgewählten Isolation hervorragend ignorieren kann.

Die zweite Grenze ist das Bankenviertel, daß Sonn- und Feiertags beklemmend menschenleer ist. Da es außerdem der einzige Stadtteil mit Hochhäusern ist, durchquert man die Straßenfluchten mit steil aufragenden Wänden, deren Fensteraugen einem traurig nachzuschauen scheinen. Wegen der schnurgeraden Straßenführung weht beständig ein warmer Wind zwischen den Hochhäusern, so daß eigentlich nur noch das Tumbleweed fehlt, um den postapokalyptischen Eindruck zu vervollständigen.

Die dritte Grenze ist der Highway, der den eigentlichen Stadtkern von der beginnenden Vorstadt abgrenzt. Auch hier ist der Eindruck eher desolat und erinnert stark an die sozialistische Architektur der 70iger Jahre. Viel Beton, aggressive Fassaden, strenge Linienführung. Es fehlten eigentlich nur noch die Fahnenmäste.

Nachdem das aber geschafft war, fanden wir uns endlich im italienischen Viertel wieder. Komplett mit Pseudo-Trevi-Brunnen (incl. rostenden Centstücken am Boden), O-sole-mio aus den Lautsprechern und Straßencafes. Das einzige, was wir leider nicht gefunden haben, war italienisches Eis. Das importierte „original Gelato“ ist offensichtlich im Heimatland durch die Qualitätskontrolle gefallen und irgendwer ist auf die glorreiche Idee gekommen, das den Amis als authentic Italian Gelato anzudrehen. Der Kellner hat sich erst etwas gewunden, doch als ich ihn direkt gefragt habe, ob er schonmal echtes italienisches Eis hatte, mußte er zugeben, daß er das Zeug auch nicht mag. Wieder was gelernt. Dann bleib ich lieber gleich beim amerikanischen Eis, das ist nämlich auch hervorragend, wenn auch auf andere Art. Andererseits sah die Pasta am Nebentisch extrem gut aus, so daß wir das nächste Mal ein Hauptgericht bestellen und uns den Eisbecher für den nächsten Europabesuch aufheben.

Auf dem Rückweg dann haben wir beim Kambodschaner vorbeigeschaut und uns dort Abendessen mitgenommen. Ob’s authentisch war weiß ich nicht, aber gut war’s. Kulinarische Ignoranz hat eben auch Vorteile.

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2 Antworten zu Abenteuer am Montag

  1. Tanni schreibt:

    hehe, wir haben mal in Honolulu „griechisch“ gegessen und haben den Koch hinterher auch gefragt ob er schon mal „original“ griechisch gegessen hat……..natürlich nicht!!! Amerikanisches Eis… ich war in diesem berühmt berüchtigten Baskin-Robbins Ice Cream Store (wo der Herr Obama mal arbeitete) … und da wählte ich Chocolate, Double Chocolate und Chocolate fudgee und erhole mich seitdem sehr langsam von dem Schokoladen Schock … *hihi* aber schön das es auch ein kleines Italien da in und um Providence gibt… brauch ich bei eventuelligem Besuch dann nicht selbst mühsam suchen 🙂

  2. sabine schreibt:

    Chocolate overload! Bei mir ist es alles mit Erdnussbutter, da kann ich nicht daran vorbei. Ben & Jerry’s Peanutbuttercup…mmmh

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