Friedhof der Gruseltiere

Obwohl sich das Wetter am Samstag nicht zwischen Regen von der Temperatur abgestandenem Spülwassers und schleimigem (da mal wieder schwül-warm) Sonnenschein entscheiden konnte, wollten wir trotzdem den alten müden Knochen etwas Bewegung gönnen. Und wenn man schon bei alten Knochen ist, dann kann man gleich seine morbide Ader ausleben und auf den Friedhof gehen. Für alle, denen das vor den Verwandten peinlich ist (mir nicht), wirbt der Friedhof damit, ein Park und Paradies für Vogelbeobachter und historisch Interessierte zu sein. Vogelbeobachter deshalb, weil dort das Geflügel relativ ungestört vor sich hin vögelt flügelt und Hobbyhistoriker, weil dort die Grabstätten mehr oder weniger berühmter Persönlichkeiten zu finden sind.

Weil beide Personengruppen doch nur einen geringen Teil der Menschheit ausmachen, hat man den Friedhof auch am Wochenende fast für sich alleine. Während sich in den anderen öffentlichen Parks der Stadt die Jogger auf die Füße treten und fremde Kinder über die Picknickdecke trampeln, gibt es hier wunderbare Stille und sehr friedliche Anwohner. Da ich mich beim letztenmal auf dem Gelände verirrt hatte (Wegweiser gibt es komischerweise nicht), wollte ich diesmal schlauer sein und hab mir gleich am Anfang in der Verwaltung eine Karte besorgt. Der Mann von der Friedhofssecurity hat unser gemeinsames Kartenstudium am Eingang zum Glück mißverstanden, sonst wär uns wohl ein ganz besonderes Erlebnis entgangen.
Ob wir das Grab von H.P. Lovecraft suchen würden?
Nö, eigentlich nicht, aber wenn er es uns zeigen könnte, dann würden wir gerne mal vorbeischauen.
Ja, es wäre doch heute sein Geburtstag und da würden am Grab Gedichte vorgelesen und gesungen.

Wir kamen dann auch in den Genuß einer kurzen Spazierfahrt im friedhofseigenen Geländewagen, wo dann schnell das Übliche abgecheckt wurde (Ja, wir sind aus Deutschland, Oh, er hat deutsche Vorfahren, wie toll, ja, wir kennen Brandenburg, ja, die Gegend hieß mal Preußen) und stießen dann am recht unscheinbaren Grab von Providence‘ bekanntestem Sohn* auf eine bunt gemischte Truppe, deren einziges gemeinsames Merkmal die Vorliebe für schwarze Kleidung und eine gewisse Exzentrik zu sein schien.

Um nun H.P.s 121sten Geburtstag zu feiern, wurden Auschnitte aus seinen Werken gelesen, selbstgeschriebene Gedichte vorgetragen und Lieder gesungen. Dabei bewieß die Truppe durchaus Talent und auch feinen Sinn für Humor. Ein paar typische christliche Kirchenlieder wurden recht blasphemisch auf die „Großen Alten“ (Götter aus Lovecrafts Werken) umgedichtet und mehr recht und schlecht von uns mitgesungenmurmelt. Ein brilliant vorgetragener Country-Song mit Gitarrenbegleitung beschrieb die Gedanken eines Vaters anläßlich der Hochzeit seines kleinen Mädchens („Ich kann kaum glauben, wie groß du geworden bist. Ich erinnere mich noch genau, wie du deine erste Ziege geopfert hast und jetzt stehst du hier in deinem schwarzen Kleid und heiratest Satan“ usw. Ich hab Tränen gelacht. :-D). Am Schluß gab es noch Kuchen und Kerzen, wir sangen alle gemeinsam Happy Birthday und genau in dem Moment, als die Wunderkerzen verloschen, erschien plötzlich aus dem Nirgenwo ein großer Schmetterling, flatterte einmal um die Ballons herum und verschwand wieder zwischen den Grabsteinen.

Mal sehen, vielleicht sehen wir uns nächstes Jahr wieder!

*H.P.Lovecraft verbrachte fast sein gesamtes Leben in Providence und gilt als Vater der modernen Horrorliteratur. Er beeinflußte viele Künstler, darunter H.R. Giger, Arno Schmidt, Michel Houellebecq; auch Stephen King und Neil Gaiman zählen zu seinen Bewunderen. Obwohl er sich sein gesamtes Leben danach sehnte, im 18. Jahrhundert zu leben, so ist sein Werk doch fest im 20. Jahrhundert verwurzelt. Er war der erste, der die Erkenntnisse der Naturwissenschaft konsequent auf die Horrorliteratur anwendete und die Menschheit als kurze Fußnote in einem ihr feindseligen Universum darstellte. Er baute seine Geschichten auf einer Tatsache auf, die der Nobelpreisträger Jaques Monod ein halbes Jahrhundert später etwas eleganter an den Mann brachte: „Wenn er diese Botschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muß der Mensch […] seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, daß er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“

Lovecrafts Werke sind oft sperrig und antiquiert geschrieben und seine Sujets sind auch nicht jedermans Sache. Wer es trotzdem mal probieren möchte; alle Werke sind gemeinfrei und u.a. auf Project Gutenberg zu finden. Ein guter Einstieg sind z.B.: Pickman’s Model, The Shadow Out of Time, The Outsider, The Shadow over Innsmouth. Ich übernehme aber keine Verantwortung für evtl. Alpträume!

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